eparo – Digital Service Design

Das Blog von eparo.de

18. Dezember, 2014

Komponentenbasierte Frontend-Entwicklung

Lego-Bausteine
Konzepter und Benutzer von Axure Libraries wissen: man muss das Rad nicht neu erfinden. Darum gibt es gut-durchdachte UI Pattern Libraries. Aber wie sieht das Ganze in der Entwicklung aus? Wie kann man einzelne Bausteine für die Frontend-Entwicklung erstellen, ohne gleich eine Bibliothek aus Codeschnipseln bauen zu müssen? Ich habe beim vergangenen UX Roundtable im Dezember, 2014 eine mögliche Lösung vorgestellt: Precompiling.

Wenn wir ehrlich sind, dann erfinden wir das Rad bei Webseiten mit jedem Projekt nicht neu, sondern greifen gerne auf altbewährte Oberflächen-Elemente zurück. Das ist auch die Idee von UI Pattern und Axure Libraries. Diese bestehen aus bereits gestalteten oder durchdachten Elementen, die für das jeweilige Projekt nur noch eingefügt und angepasst werden.

Das Problem: starre technische Strukturen und Blockaden

Doch in der Umsetzung sieht das Ganze wieder ein wenig anders aus: die starren Syntax-Strukturen von den Sprachen HTML und CSS lassen keine Aufteilung in Komponenten zu. Das Problem dabei ist, dass für jedes neue Projekt viel aus bestehenden Projekten kopiert oder für das derzeitige Projekt neu geschrieben werden muss. Aber noch viel größer ist der Kommunikationslücke zwischen Konzeptern und Entwicklern: durch die unterschiedliche Struktur ist ebenfalls das Mindset des Projektes unterschiedlich. Das bedeutet, dass im Zweifel mühselige Übersetzungen von der Konzeption zur Entwicklung – meist in Form einer Spezifikation – nötig sind.

Das Problem sind dabei nicht die Entwickler, sondern die Umgebung, in der sie arbeiten: sie müssen ihr Denken an die vorhandene Programmiersprache anpassen – so wie Fließbandarbeiter ihren Arbeitstakt an die Maschine anpassen müssen. Die Lösung ist also, die Programmiersprache zu ändern, um diese Blockade aufzubrechen. Was daraus resultiert, sind Dateien, die mehrere Tausend bis Hunderttausend Zeilen an Code beinhalten. Natürlich bekommen Entwickler durch so viele Zeilen Code auch noch andere Probleme – wie beispielsweise die Übersichtlichkeit vom Code und damit auch die benötigte Zeit für eine Änderung.

Precompiler

Die Lösung: Precompiling

Die Lösung heißt Precompiling und ermöglicht das Benutzen anderer Programmiersprachen oder -syntaxen. So kann beispielsweise die Syntax von CSS so erweitert werden, sodass es möglich ist, die ursprüngliche CSS-Datei in viele kleine Komponenten zu unterteilen. Und das gleiche kann mit HTML auch gemacht werden.

Durch Precompiling werden die einzelnen Komponenten dann wieder in das jeweilige Format zusammen gesetzt, das der Browser für die Darstellung der Webseite benötigt.

Tools

Die Sprachen und Tools

Wir haben also nun die Technik, die starre Strukturen von HTML und CSS aufbrechen kann. Was wir nun benötigen, sind die jeweiligen Spracherweiterungen und der Precompiler selbst.

Für CSS gibt es sowohl die Sprache SASS als auch LESS, die sich nach einigen Jahren Weiterentwicklung bei den Entwicklern etabliert haben. Vor allen für SASS existieren bereits viele andere Bibliotheken, die jeder Entwickler zu schätzen wissen wird.

Die Sprachen SASS und LESS sind sehr mächtig und bieten viele Vorteile. So können Mix ins und Funktionen geschrieben werden, die den Code automatisch erweitern. Wieder eine Zeitersparnis also. Außerdem ermöglichen es beide Sprachen, Variablen für Farben, Schriftgröße usw. festzusetzen. So können Änderungen im Contextual Design über das gesamte Design hinweg schnell und effizient eingepflegt werden. Eine Farbänderung von Blau zu Violett kann so innerhalb weniger Sekunden erfolgen.

Für selbstständige Entwickler ist das besonders praktisch: sie müssen nur noch kleine Anpassungen bei einem neuen Webseiten-Projekt vornehmen, um die Webseite komplett neu zu gestalten.

Für HTML sieht die Welt deutlich anders aus. Es gibt bisher ein mir bekanntes Konzept, welches die Aufteilung von HTML-Dateien in Komponenten erlaubt und anwendbar macht. Dieses Konzept wurde in den so genannten Hammer Tags (http://hammerformac.com/docs/tags) in der zugehörigen Hammer Mac App http://hammerformac.com) umgesetzt.

Idee
Mit Hammer haben wir auch gleichzeitig eine App, die das Precompiling von unseren HTML-Komponenten erlaubt. Eine weitere App für den Mac ist CodeKit oder Koala. Alle drei Apps sind vom Prinzip her ziemlich ähnlich: man zieht den Projektordner in die jeweilige App rein und die App erledigt den Rest – vom Erkennen der zu kompilierenden Dateien bis hin zur Prekompilierung selbst. Die komponentenweise Aufteilung von HTML und CSS erlaubt allerdings bis heute nur Hammer mit den Hammer Tags (der Precompiler ist mittlerweile aber Open Source und könnte in Zukunft auch in anderen Apps benutzt werden: https://github.com/riothq/hammer-gem).

Struktur

Die Struktur

Wie strukturiert man aber nun die einzelnen Komponenten? Klar ist, dass diese Komponenten durchaus zusammen gesteckt werden können. So können eine Navigationsleiste und ein Logo gemeinsam den Kopfbereich einer Webseite bilden. Auf der anderen Seite beinhaltet die Navigationsleiste jeweils die einzelnen Navigationselemente. Fakt ist, dass diese Elemente durch ihre Komposition eine gewisse Hierarchie darstellen. Ein Fußbereich einer Webseite besteht aus mehreren kleineren Unterteilungen, die wiederum aus vielen kleineren Unterteilungen bestehen.

Brad Frost hat 2013 bei der Konferenz „Beyond Tellerrand“ in Düsseldorf eine Struktur vorgestellt, die sich auf den atomaren Aufbau von Organismen orientiert. Die Idee ist, dass größere Strukturen (wie Organismen) kleinere Strukturen (wie Moleküle) beinhalten können. Das „Atomic Design“ ist meiner Meinung nach eine sehr gute Grundlage, denn nicht anders strukturieren wir unsere Axure Libraries, die wir für Kunden bauen. Für die Entwicklung müssen wir diese Struktur allerdings noch etwas kleinteiliger strukturieren, damit wir die Wiederverwendbarkeit der einzelnen Elemente und Codezeilen gewährleisten können. Daher fangen wir mit dem ersten Element der Kette an: dem Proton.

Protonen

Die aus dem altgriechischen übersetzte „Ersten“ Teilchen unserer Struktur sind dafür zuständig, sämtliche notwendigen Bestandteile unseres Projektes – wie die SASS-eigenen Mix ins oder Funktionen – zu deklarieren. Hier steckt sozusagen alles drin, was bei nahezu jedem Element und Projekt benutzt werden kann und sollte. Somit sind hier auch die Variablen zu finden, die durch wenige Änderungen die gesamte Seite neu gestalten könnten.

Atomkern

Der Atomkern beinhaltet die Kernelemente, die ebenfalls in jedem Projekt zu finden sind, also grundsätzliche Gestaltungen von Tabellen, Typografien, Buttons und Formularfeldern. Es ist sozusagen eine Ansammlung vieler kleiner Gestaltungsmuster von User Interface Elementen. Wer hier sorgfältig Best Practices auswählt, braucht sich um solche Gestaltungsmuster keine Gedanken mehr zu machen, sondern kopiert diese nur noch von Projekt zu Projekt.

Atom

Die erste projektbezogene Strukturebene ist das Atom. Hier werden sämtliche Elemente aus dem Atomkern nochmals angepasst und auch neue, spezifischere kleine Elemente (meistens definiert durch CSS-Klassen) gestaltet.

Moleküle

Die Moleküle sind die ersten kleinen Kompositionen, speziell zum vorliegenden Projekt. So kann ein grundsätzliches Navigationselement oder eine Kombination aus einem Formularfeld und Button hier gestaltet werden.

Organismen

Organismen sind ganze Teilbereiche einer Seite, wie beispielsweise der Kopf- oder Fußbereich.

Templates

Die Organismen werden am Ende bei der nächstgrößeren Struktur – den Templates – in der richtigen Reihenfolge eingebunden

Pages

Für spezifische Seiten kann nun in der letzten Strukturebene die Gestaltung angepasst werden. So kann die Hauptseite anders als der Blog aussehen, ohne dabei die grundsätzliche Gestaltung einzelner Elemente allzu sehr zu verfälschen.

Diese gesamte Struktur mündet letztendlich in eine Dummy-SASS oder Dummy-LESS Datei, wodurch eine einzige CSS-Datei entsteht.

Mit dieser Struktur haben wir also eine hierarchische Abbildung einzelner Elemente. Durch die zusätzlichen zwei Strukturebenen Protonen und Atomkern haben wir außerdem bereits zwei Strukturebenen für eine eigene Bibliothek. Diese beiden Ebenen können in jedem Projekt genutzt werden.

Einige Elemente aus den weiteren Strukturen Atom und Moleküle können ebenfalls genutzt werden, allerdings ist die Gestaltung hier immer auf das jeweilige Projekt bezogen.

Fazit

Durch das Precompiling der Erweiterungssprachen wie SASS und Hammer Tags können Frontend-Entwickler eine sehr ähnliche Struktur von Bausteinen aufbauen, wie sie Prototypen-Entwickler mit Axure Libraries oder wie Konzepter mit UI Pattern Libraries aufbauen und nutzen. Missverständnisse können so verringert und verhindert werden, weil jeder im Team von der gleichen Sache spricht. Aber vor allem für die Entwickler bietet Precompiling einen entscheidenden Mehrwert: Änderungen können viel schneller durchgeführt werden, da die Aufteilung in Komponenten einen deutlich besseren Überblick verschafft.

 
1. Dezember, 2014

Der World Usability Day 2014 in Hamburg: Sitzordnung

World Usability Day 2014

Der World Usability Day 2014 am 13.11.2014

Service Design zwischen Nutzerfreundlichkeit und Weltverbesserung

1 – Alle Vorträge zum Download
2 – Der WUD 2014 in Hamburg: Zwei Rückblicke
3 – Revolte und Umsturz: Im Track 1 beginnt die Zukunft
4 – Track 2: Meinungen zu User Experience
5 – Der Einfluss der Sitzordnung auf die Workshopatmosphäre

Wie du sitzt, so arbeitest du – ein zufälliges Experiment bei den WUD-Workshops.

Form Follows Function – auch im Aufbau von Workshop-Settings!

Wer schon einmal Workshops moderiert hat, weiß, dass ein gut durchdachtes Setting die halbe Miete für das erfolgreiche Arbeiten mit Gruppen ist. Nur wenn der Raum und die Sitzanordnung das Workshop-Konzept optimal unterstützen, entsteht wie von Zauberhand eine magische Arbeitsatmosphäre.

Die verschiedenen Workshop-Formate des World Usability Days zeigen deutlich, wie treffend der räumliche Aufbau den inhaltlichen Zielen der Gruppenarbeit folgen kann. Von Diskussionsrunden über Sketching-Workshops bis in den Open Space und die freie Kontemplation konnten in sechs verschiedenen Workshops ganz unterschiedliche Settings und Arbeitsatmosphären aufgefangen werden.

Starre Sitzordnung im Workshop 1

Workshop 1: User Centered Content

Dr. Rolf Schulte Strathaus, eparo GmbH und Mirko Gründer, freier Journalist

Fest im Fußboden verschraubt werden die Tische des Workshop-Raumes in einer statischen U-Form festgehalten. Die klassische Konferenzsaal-Anordnung der Tische scheint die Teilnehmer des User Centered Content Workshops nicht nur zu einer intensiven Diskussion, sondern auch zur Einnahme einer förmlichen Sitzhaltung zu verführen. Das Ergebnis überzeugt als eine facettenreiche Debatte über User Centered Content Design.

Kreatives Arbeiten im Workshop 2

Workshop 2: Realtime Sketching von Personas

Bianca Alt und Susann Maßlau, Ergosign GmbH

Einzelne Tisch-Inseln separieren die Teilnehmer des Persona Sketching Workshops von Anbeginn in vier Einzelgruppen. Das gemeinsame Zeichnen und der enge Austausch mit den Nachbarn schafft an jeder Arbeitsstation fortan eigene Gruppendynamiken. Für einen Außenbetrachter kann die gesamträumliche Atmosphäre dadurch chaotisch wirken, aber gleichsam fruchtbar. Das Setting stellt zumindest die Workshop-Leiterinnen vor unerwartete moderative Herausforderungen…

Weder Stühle noch Tische

Workshop 3: Aufmerksam für das Gewöhnliche

Sven Klomp, Sven Klomp Szenographie

Es finden sich weder Tische noch Stühle oder räumliche Vorgaben im kontemplativen Workshop namens „Aufmerksamkeit für das Gewöhnliche“.

Die meditative und wortlose Bewegung durch den öffentlichen Alltagsraum der Stadt und die Verdichtung der gewonnenen Erlebnisse im Dunkelraum kitzeln die Sinne der Teilnehmer. Die Verarbeitung der lebensweltlichen Eindrücke verlangt keine intensive Verbalisierung. Die Teilnehmer führen vielmehr friedliche, innere Dialoge.

Konzentriertes Arbeiten am großen Tisch

Workshop 4: Storyboards für digitale Services

Melina Pink (Illustratorin) für eparo

Die große Tisch-Tafel sorgt für eine geordnete und konzentrierte Atmosphäre im Workshop-Raum von Melina Pink. Die Teilnehmer sitzen an einer großen Arbeitsfläche vereint und orientieren sich am Geschehen der Gesamtgruppe. Hier erklingt kein stimmliches Durcheinander.

Die Teilnehmer sprechen mit Rücksicht auf die Gruppe nur leise mit dem Nachbarn. Eine Wonne für die engagierte Moderatorin und eine sichtbar erholsame Workshop-Arbeit für jeden Teilnehmer.

Stuhlkreis für den offenen Austausch

Workshop 5: 100% Engagement

Alexander Schilling (raumfuer)

Ein großzügiger Stuhlkreis und viel Platz in der Mitte. Der Arbeitsraum ist offen und fördert einen gestenreichen, ungehemmten Austausch der Teilnehmer in Zweierpaaren. Das rege Treiben wirkt dennoch geometrisch sortiert und in keiner Weise chaotisch.

Selbst das Stimmgewirr erzeugt – von außen belauscht – den harmonischen Klang vieler Dialoge, die nicht in eine gegenseitige Konkurrenz treten, sondern einer achtsam interagierenden Gesamtgruppe entspringen.

Wohnungsbesichtigung im LivingPlace

Workshop 6: Living Place – Wenn die Wohnung intelligent ist

Prof. Kai von Luck (HAW Hamburg)

Hier ging es nicht um Sitzordnungen, sondern es wurde der LivingPlace besichtigt bzw. von Kai von Luck vorgestellt. Viel Technik verborgen in schickem Interieur mit viel Zeit für interessierte Fragen.

Redaktion: Beate Winter

 
1. Dezember, 2014

World Usability Day 2014: Track 2 – Meinungen zu User Experience

Service Design zwischen Nutzerfreundlichkeit und Weltverbesserung

Engagement – unter diesem Motto fand am 13.11.2014 der neunte World Usability Day in Hamburg statt. Rund 220 Gäste kamen. Wie schon seit 9 Jahren hat eparo den weltweiten Aktionstag für Benutzerfreundlichkeit ihn in Kooperation mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) organisiert.

1 – Alle Vorträge zum Download
2 – Der WUD 2014 in Hamburg: Zwei Rückblicke
3 – Revolte und Umsturz: Im Track 1 beginnt die Zukunft
4 – Track 2: Meinungen zu User Experience
5 – Der Einfluss der Sitzordnung auf die Workshopatmosphäre

Der Sinn von Nutzertests und die Rolle der UX-Designer.

In Track 2 ging es etwas weniger esoterisch zu. Allerdings vor allem bei den ersten drei Vorträgen auch durchaus kontrovers um die Frage “Wie gut oder schädlich sind User-Tests?”.

Session 1: User müssen gefragt werden. Oder nicht?

 

Ann-Catrin WellhöferAnn-Catrin Wellhöfer (SinnerSchrader)

In meinem Kopf macht es Sinn – wenn da nur nicht diese Nutzer wären:
Ein Plädoyer von Anne über die Einbindung von Nutzerbefragungen im Rahmen des Konzept- und Umsetzungsprozesses.
Da unser gesamter Konzept-Prozess nutzerzentriert ausgerichtet ist, ist das zwar für uns keine sonderliche Neuerung – aber es ist doch immer wieder schön, Mitstreiter auf der Mission “für den Nutzer, mit dem Nutzer” zu gewinnen.

Lasse Lüders (Appmotion)

Das kann man schon so machen, aber dann ist es halt gewöhnlich:
Anhand seines Reiseberichts einer Wanderung durch Island hat Lasse für sich 10 Aspekte identifizieren können, die ähnlich zu komplexen Projekten verlaufen.
Zunächst einmal ein interessant gestalteter und kurzweilig vorgetragener Reisebericht, der Lust macht, Island einmal selbst zu bewandern. Den aus den Faktoren abgeleitete Schluss, dass „Usability Studien“ (wie Lasse sie nennt) die Innovation töten, empfinde ich als fragwürdig. Meine Meinung: Mit User-Tests habe ich man die unschätzbar wertvolle Möglichkeit, die kreativen Design-Hypothesen seines Projekt mit authentischen Nutzern zu prüfen, ohne dass schon viel Geld in die Umsetzung geflossen ist. Zeitgleich in der Selbstbeobachtung für mich interessant, dass ich mich am Begriff „Usability-Studien“ so störe – das werde ich in einem weiteren Blogbeitrag für mich mal weiter herausarbeiten müssen.

Katharina Köth (Jung von Matt/next GmbH)

Die Schönheit liegt im Unterschied:
Katharina vertritt in ihrem Vortrag die Meinung, dass Nutzertests das Markenerleben verderben.
Katharina berichtet aus ihren Erfahrungen mit Nutzertests und dass sie mittlerweile manchmal gerne auf die Validierung durch den Nutzer verzichten würde.
In der Diskussion arbeitet das Plenum heraus, dass Testvorgehen, Erwartung und Interpretation der Ergebnisse entscheidend sind für den Ausgang des Tests und die daraus abgeleiteten Erkenntnisse. User-Tests sind keine harten Umfragen mit statistisch maßgeblichen Ergebnissen, sondern Einblicke in die reale Erlebniswelt der User. Die kreativen Schlüsse daraus sind unsere Aufgabe.

 

Session 2: Welche Rolle spielt eigentlich der UX-Designer?

In der zweiten Session wurde es eher pragmatisch:

Tim BosenickTim Bosenick (GfK SE)

Über die Messung von User Experience:
Tim Bosenick stellt in seinem Vortrag den durch die GfK (ehemals SirValUse) erarbeiteten UX-Score vor. Der Score quantifiziert die User Experience auf den Dimensionen Erlernbarkeit / Bedienbarkeit, Identifikation / Inspiraton und Look & Feel.
Langfristig angelegte Entwicklung eines Bewertungsformats, der vor allem im GfK-Universum Sinn zu machen scheint, wenn es darum geht, den UX-Score großer Unternehmen zu vergleichen.

Yeli Tong

Yeli Tong (XING AG)

While UX becomes hot, stay cool!:
Als UX befinden wir uns in einer interessanten Grätsche zwischen Produktmarketing und Entwicklung. Es gibt Leute im UX-Bereich, die sich eher der einen oder der anderen Seite zugetan haben und dadurch jeweils ihre Erfolge erzielt haben. Die Frage ist jedoch, wo es in Zukunft hingehen kann. Besonders spannend im Kontext mit den Diskussionen in Track 1 zur Unternehmenskultur. Welche Rolle spielt dann der UX-ler?

Stephanie Weber & Aurelius Wendelken (Immonet GmbH)

Wie man mit offenen Daten die Welt verbessern kann:
Stephanie und Aurelius stellen verschiedene Open Data Programme und Projekte vor, die mit diesen Daten realisiert wurden.
Die beiden vertreten die interessante Perspektive, Open Data als eine Form von sozialem Engagement zu betrachten. Zeitgleich von ihnen der Appell, an mehr gemeinnützigen Veranstaltungen wie Hackathons teilzunehmen. Vor allem seitens der Vertreter aus der UX-Branche mangelt es leider teilweise an Beteiligung.
Ein sehr schöner Abschluss des Track 2 mit dem Appell an mehr Engagement.

Redaktion: Beate Winter

 
1. Dezember, 2014

World Usability Day 2014 in Hamburg: Track 1 – Aufruf zur Revolution

World Usability Day 2014

Service Design zwischen Nutzerfreundlichkeit und Weltverbesserung

Engagement – unter diesem Motto fand am 13.11.2014 der neunte World Usability Day in Hamburg statt. Rund 220 Gäste kamen. Wie schon seit 9 Jahren hat eparo den weltweiten Aktionstag für Benutzerfreundlichkeit ihn in Kooperation mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) organisiert.

1 – Alle Vorträge zum Download
2 – Der WUD 2014 in Hamburg: Zwei Rückblicke
3 – Revolte und Umsturz: Im Track 1 beginnt die Zukunft
4 – Track 2: Meinungen zu User Experience
5 – Der Einfluss der Sitzordnung auf die Workshopatmosphäre

Im Ditze Hörsaal werden Revolution und Generalstreik ausgerufen.

Am 13.11.2014 sind im Track 1 des World Usability Day in Hamburg denkwürdige Dinge geschehen:

  • Es wurde von Verantwortung geredet
  • Es wurde vom Imperativ Gutes zu tun geredet
  • Es wurde offen zum Streik aufgerufen
  • Es wurde empfohlen, zu kündigen, wenn das Arbeitsumfeld nicht stimmt.

Das habe ich in 9 Jahren WUD in Hamburg noch nie erlebt. Traditionell geht es immer um Fallstudien und Methoden, aber nicht um die offene Rebellion. Was ist passiert?

Ich habe natürlich etwas reisserisch angefangen. Es flogen keine Brandsätze und es wurden auch keine Barrikaden gebaut. Es wurden “nur” 6 Vorträge gehalten, die an den Grundfesten der aktuellen Arbeitskultur für digitale Services gerüttelt haben.

Am besten erzähle ich mal chronologisch:

Die Vorbereitung

Den Stein ins Rollen gebracht hat das diesjährige Motto des WUD: “Engagement”. Im Call for Papers haben wir ausdrücklich um Vorschläge gebeten, die dem Thema Rechnung tragen. Mit 25 Einreichungen konnten wir aus dem Vollen schöpfen und für den Track 1 sechs Vorträge aussuchen, die thematisch eher auf höherer Flughöhe die Themen Verantwortung, Engagement und Kultur beleuchten wollten. Damit war dann schon klar, dass Track 1 nicht langweilig wird.

Session 1: Über die Verantwortung jedes Einzelnen

Matthias Müller-Prove als Hamlet.

1. Akt: Die Rolle des Einzelnen

Matthias Müller-Prove hat dann den Reigen eröffnet mit einer bühnenreifen Shakespeare Rezitation aus Hamlet. Ich hab nicht so wirklich alles verstanden.

Im Kern ging es aber um die Möglichkeiten jedes Einzelnen, sich zu engagieren.

Auf jeden Fall wurde am Schluss auch noch der Grund für das Shakespeare-Zitat aufgeklärt.

Benelli Knarre als Beispiel für gutes Design.

2. Akt: Aufruf zum Zusammenschluss

Rainer Sax konnte diesen Aufruf ans Engagement noch mal steigern. Gut gefallen hat mir sein eindringlicher Appell an die dritte Form von Engagement: „Tu Gutes“. „Schönes Design“ und „Geld verdienen“ reicht nicht. Sein Beispiel für schönes Design (ein Sturmgewehr in Wüsten-Camouflage) hat das sehr schön belegt.

Ilona und Manuela über das Träumen und Feiern in Projekten.

3. Akt: Vom Träumen und Feiern

Ilona Koglin und Manuela Bosch sind dann wieder etwas zurück gegangen auf die pragmatische Projektebene. Ihr Appell – zur Projektarbeit gehört auch das Träumen und das Feiern -, hat mir zu denken gegeben. Gut gefallen hat mir die Definition, dass Feiern auch Feedback und Kritik bedeutet. Mal sehen, wie wir das in den kommenden Projekten besser machen können…

 

Session 2: Unternehmenskultur als Hauptproblem

Jetzt wird es langsam gesellschaftskritisch. Es geht um die großen Baustellen auf dem Weg zu guten und innovativen digitalen Services.

Timo über KPIs

1. Akt: Wir mogeln uns mit KPIs durch

Timo Fritsche erzählt aus der täglichen Erfahrung mit den seltsamen Entscheidungen der Führungskräfte und deren Wunsch nach Kontrolle und Anerkennung. Grundsätzlich muss hier ein Kulturwandel her, was aber schwierig ist und lange dauert. Daher propagiert Timo seine Jiu Jitsu Taktik, um Projekte erfolgreich(er) umsetzen zu können: „Sprecht die Sprache der Manager. Redet von KPIs, wenn ihr Projekte begründet und Projektergebnisse vorstellt.“ (Anmerkung der Redaktion: KPI = Key Performance Indicator. )
Kurzfristig ist das sicher ein guter Weg, um den Arbeitsalltag erfolgreicher zu gestalten. Wirklich zufriedenstellend und langfristig erfolgversprechend erscheint es mir aber nicht.

Das Biest Unternehmenskultur

2. Akt: Weg mit den Hierarchien

Daniel Neuberger hat auch schon oft am eigenen Leib erfahren, wie destruktiv Unternehmenskultur sein kann. Seine gut hergeleitete Schlussfolgerung: Im Zeitalter der digitalen Disruption ist eine neuen, netzwerk-orientierte Unternehmenskultur ein massiver Wettbewerbsvorteil. Die alten, hierarchisch organisierten Unternehmen werden es schwer haben oder aussterben.
Ich glaube, Daniel hat total recht. Besonders wenn es um im Kern digitale Services geht. In der Diskussion wurde aber auch klar, dass es wohl noch etwas dauern wird, bis auch in Großunternehmen wie Volkswagen die Hierarchien verschwinden:-)

Im Kern geht es um Engagement

3. Akt: Aufruf zu Streik und Kündigung

Zu guter Letzt konnte ich auch noch meinen Senf dazu geben. Es ist ja im Kern sehr positiv, dass wir inzwischen von den Methoden her gut in der Lage sind, innovative digitale Services zu entwickeln. Wie auch schon Daniel, bin ich aber überzeugt davon, dass diese eher team-orientierten, co-kreativen Methoden keine Chance haben, wenn sie auf die traditionellen Entscheidungs- und Machtstrukturen stoßen. Die Lösung heisst ganz klar: Eine neue Unternehmenskultur.
Dieser Wandel entsteht vielleicht durch kleine Schritte, oder aber durch Druck. Mein Aufruf ist daher: Streikt, wenn ihr ein Projekt machen sollt, wo schon vorher klar ist, dass es an den Entscheidungsstrukturen scheitern wird. Ihr werdet ja schließlich für gute, professionelle Ergebnisse bezahlt. Wenn das nichts nutzt, sucht euch einen besseren Arbeitgeber. Gute UXler werden gerade überall gesucht…

Das Fazit

Ich war total begeistert von den Vorträgen und den Diskussionen. Wir kommen langsam beim Kern des Problems an: Unternehmenskultur und neue Formen der Arbeit.

Wir sind alle in der Verantwortung für unser eigenes Arbeitsumfeld und die Ergebnisse unserer Arbeit. Die Aufgaben sind so komplex geworden, dass wir sie nur noch im Team verstehen und lösen können. Das passt aber überhaupt nicht zu den klassischen Hierarchien. Es braucht neue Formen der Zusammenarbeit.

Lasst uns daran arbeiten!

Redaktion: Beate Winter

 
1. Dezember, 2014

World Usability Day 2014 in Hamburg: Zwei Rückblicke

World Usability Day 2014

Service Design zwischen Nutzerfreundlichkeit und Weltverbesserung

Engagement – unter diesem Motto fand am 13.11.2014 der neunte World Usability Day in Hamburg statt. Rund 220 Gäste kamen. Wie schon seit 9 Jahren hat eparo den weltweiten Aktionstag für Benutzerfreundlichkeit ihn in Kooperation mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) organisiert.

1 – Alle Vorträge zum Download
2 – Der WUD 2014 in Hamburg: Zwei Rückblicke
3 – Revolte und Umsturz: Im Track 1 beginnt die Zukunft
4 – Track 2: Meinungen zu User Experience
5 – Der Einfluss der Sitzordnung auf die Workshopatmosphäre
6 – Engagement Projekte des WUDs 2014

Der WUD 2014 in Hamburg war super! Der Meinung sind jedenfalls Andrea und Rolf. Die Begründungen sind sehr verschieden. Daher kommen hier beide zu Wort.

Die Orga hat bis ins Kleinste funktioniert.

Mein erster WUD

Andrea Westermann:
Hat die gesamte Organisation gemanagt.

November 2014 – ein Donnerstag und es ist World Usability Day. Mein erster WUD! Um 05:30 Uhr klingelt der Wecker. Schnell noch letzte Abstimmungen mit Rolf und den Workshop-Teilnehmern und -Leitern, den Rest Kleinigkeiten im Auto verstaut und dann geht’s auf zur HAW. Seit Monaten arbeiten wir im eparo Team und mit allen Beteiligten auf diesen Tag hin. Das Thema dieses Jahr – „Engagement“ – begeistert und das Programm hört sich vielversprechend an. Ich bin neugierig! Wird alles klappen? Selbst nach unzähligen Events, die ich schon organisiert habe, ist auch dieses wieder eine kleine Herausforderung mit überraschenden und spannenden Momenten.

Um 08:00 Uhr treffe ich mich mit Friederike Kerkmann von der HAW (ganz lieben Dank noch einmal für die super Unterstützung!). Kurz danach trudeln auch meine Kollegen ein und von da an geht es los. Alles muss ausgeladen und aufgebaut werden, die Workshopräume statten wir mit Material aus und bereiten uns auf die Ankunft der ersten Besucher vor. Im Empfangsbereich läuft die Sponsorenpräsentation und an 2 Stellwänden stellen wir die Engagementprojekte der Vortragenden vor und erwecken die Jobbörse mit den Stellenanzeigen unserer Sponsoren zum Leben.

Nach 6 Workshops, 12 Vorträgen, 16 Kästen Mineralwasser, 18 Flaschen Wein, 75 Muffins, 100 Laugenstangen, 300 belegten Brötchen, unzähligen Litern Kaffee und einer gefühlt unendlichen Strecke an Kilometern neigt sich der diesjährige World Usability Day gegen 22 Uhr dem Ende. Die letzten 3 Gäste, von insgesamt ca. 220, fassen tatkräftig mit an, um die letzten Spuren zu beseitigen.

Der WUD war auf jeden Fall ein Erlebnis und ein Erfolg. Ganz lieben Dank noch einmal an alle, die ihn mit so viel Leidenschaft unterstützt haben. Ich freue mich schon auf das nächste Mal.

Rolf im Workshop

Der beste WUD in Hamburg, ever

Rolf Schulte Strathaus
Hat das Programm zusammengestellt und noch dies und das drumherum gemacht.

Dieser WUD war für mich der bislang beste WUD in Hamburg.
Dafür gibt es vier Gründe:

  • ein Motto (“Engagement”), das echte Bedeutung hat
  • ein Programm, das besser war als die meisten der großen Konferenzen
  • eine Vorbereitung, mit der ich dank meiner Kollegen nur ganz wenig zu tun hatte (siehe oben);
  • und einer Stimmung beim WUD selbst, die etwas von einem großen Familienfest mit Freunden hatte

Ich will diese vier Punkte noch etwas erläutern:

Engagement als Motto

Ein Begriff, der unterschiedliche Assoziationen hervorgerufen hat. Von der fachbezogenen Sicht (“Wie involviere ich die Nutzer zur Teilnahme…?” über die individuelle professionelle Rolle “Welche Verantwortung habe ich als UX-Designer?” bis zur gesellschaftspolitischen und philosophischen Betrachtung (“Wie verbinden sich Arbeit und Privatleben?”). Im Ergebnis gab es inhaltlich tiefe Vorträge und daneben auch noch diverse Initiativen für das eigene Engagement. Besonders toll fand ich die “Werbeblöcke” der Vortragenden zu ihren persönlichen Lieblingsprojekten – von Freifunk über Cradle To Cradle bis zu Ärzte ohne Grenzen. Schön zu sehen auch auf der Projektsammlung im Foyer. Ein großes Kompliment an Beate, die sich so beharrlich für das Motto “Engagement” eingesetzt hat.

Das Programm

Innerhalb von wenigen Tagen nach der Veröffentlichung des Call for Papers hatten wir 25 Einreichungen für die 12 Vortragsplätze im Programm. Die Auswahl war echt schwer. Im Ergebnis konnten Beate und ich einen kompletten Track eher philosophisch rund um das Thema “Engagement” gestalten. Im zweiten Track ging es dann konkreter um User Experience und das durchaus kontrovers, da der Nutzen von UX-Tests in drei Vorträgen kritisch hinterfragt wurde. Da wäre ich gern dabei gewesen.

Die Vorbereitung

In den letzten Jahren waren wir immer zu spät dran und teilweise etwas chaotisch. Das lief in diesem Jahr deutlich besser. Großes Lob an Andrea für die Organisation und Beate, die alle ordentlich angetrieben hat und die PR gemacht hat. Ich fand es super, da ich mich um nichts kümmern musste und mich auf meinen Workshop, die Moderation des Track 1 und meinen Vortrag konzentrieren konnte.

Das Familientreffen mit Freunden

Der WUD hat sich in den letzten Jahren zum festen Event gemausert. Ich freue mich immer darauf, alte Bekannte zu treffen und zu plaudern. Auch die Gläser Wein nach dem letzten Vortrag gehören dazu. Ich hab das dieses Jahr nicht wirklich mitbekommen, da Beate runden Geburtstag hatte und ich direkt nach dem letzten Vortrag zum Bahnhof gehastet bin.

Alles in allem hat es mir Riesenspaß gemacht. Besonders die Diskussion in Track 1 zur Unternehmenskultur und der Rolle der UX-Designer für wirklich innovative digitale Services. Dazu schreibe ich auch noch konkreter was.

Die Unternehmenskultur ist letztendlich der Schlüssel. Da habe ich mir zusammen mit Beate fest vorgenommen, den Elan aus dem WUD aufzugreifen und die Diskussion fortzuführen.

Redaktion: Beate Winter

 
1. Dezember, 2014

World Usability Day 2014 in Hamburg: Alle Vorträge zum Download

World Usability Day 2014

Service Design zwischen Nutzerfreundlichkeit und Weltverbesserung

Engagement – unter diesem Motto fand am 13.11.2014 der neunte World Usability Day in Hamburg statt. Rund 220 Gäste kamen. Wie schon seit 9 Jahren hat eparo den weltweiten Aktionstag für Benutzerfreundlichkeit ihn in Kooperation mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) organisiert.

1 – Alle Vorträge zum Download
2 – Der WUD 2014 in Hamburg: Zwei Rückblicke
3 – Revolte und Umsturz: Im Track 1 beginnt die Zukunft
4 – Track 2: Meinungen zu User Experience
5 – Der Einfluss der Sitzordnung auf die Workshopatmosphäre

 

1 – Alle Vorträge zum Download

Nachmittags gab es 12 Vorträge in 2 Tracks:

Track 1: Wie viel Kultur braucht Engagement?

Session 1: Was heißt eigentlich Engagement?

Matthias Müller-Prove (Interaktionsdesigner und Human Computer Interactivist)
All my engagements will construe to thee.
Laterale Betrachtungen zu Beziehungen zwischen Menschen, Initiativen und Brands.

Rainer Sax (freier User Experience Stratege und Service Designer)
[ãɡaʒ(ə)ˈmãː] Zu einem besseren Verständnis von Engagement.
„Wir UX Profis nehmen unsere Verantwortung nicht ernst. Uns fehlt es an Engagement. Das muss sich ändern!“

Manuela Bosch (Vanilla Way), Ilona Koglin (Whoopee Connections)
The Co-Creative Business Evolution
Eine Learning Journey für die kollektive Kreativität von Designern, Entwicklern, Kunden und Usern

Session 2: Unternehmen können keine guten Services bauen. Oder doch?

Timo Fritsche (XING AG)
Business Value & User Engagement – geht das?
Wie wir User Engagement wieder zurück auf die Roadmaps bekommen.

Daniel Neuberger (ThoughtWorks Deutschland)
Das „Biest“ Unternehmenskultur
Unternehmenskultur als entscheidender Erfolgsfaktor der digitalen Revolution

Dr. Rolf Schulte Strathaus (eparo GmbH)
Blumenkinder gegen Machiavellis: Kampf der Kulturen in größeren Unternehmen
Gibt es Hoffnung für die coolen Co-Creation und Design Thinking Ansätze in Konzernen?

 

Track 2: Zwischen Nutzerfokus und Weltverbesserung- über die Spielräume von UX

Session 1: User müssen gefragt werden. Oder nicht?

Ann-Catrin Wellhöfer / Dr. Andreas Sonnleitner (SinnerSchrader Deutschland GmbH)
In meinem Kopf macht es Sinn – wenn da nur nicht diese Nutzer wären…
„Ein speziell ausgebildeter User Experience-Consultant / -Designer / -Engineer allein macht noch keine guten Produkte!“

Lasse Lüders (Appmotion GmbH)
Das kannst Du schon so machen, aber dann ist es halt gewöhnlich.
Warum Dinge nicht immer nur funktionieren sollten.

Katharina Köth (Jung von Matt/next GmbH)
Die Schönheit liegt im Unterschied.
Ein Plädoyer für die selbstbewusste Konzeption digitaler Markenkommunikation.

Session 2: Welche Rolle spielt eigentlich der UX-Designer?

Tim Bosenick (GfK SE)
Über die Messung von User Experience.
Erfahrungen aus der Entwicklung und der internationalen Anwendung des „UX Score“.

Yeli Tong (XING AG)
While UX becomes hot, stay cool!
About the future role of UX.

Stephanie Weber, Aurelius Wendelken (Immonet GmbH)
Wie man mit offenen Daten die Welt verbessern kann.

Ein UX Designer, ein Entwickler und viele spannende open data Projekte – wie das zusammenpasst und warum es sich lohnt, sich zu
engagieren.

Redaktion: Beate Winter

 
15. November, 2014

8 Tipps für erfolgreiche UX-Tests

Echte User-Insights gewinnen – und sich nicht blamieren

Es scheint ja im Prinzip ganz einfach zu sein, einen UX-Test durchzuführen: Nutzer finden, Interview durchführen, Beobachtungen auswerten…

In der Praxis sorgen aber oft kleine Fehler und Pannen dafür, dass ein Test keine guten Ergebnisse liefert oder sogar richtig schief geht. Das ist besonders unangenehm, wenn auch noch diverse Kollegen, Vorgesetzte oder Kunden beim Test zusehen.

Wir haben diese Fehler in der Vergangenheit natürlich auch alle schon selbst erlebt und daraus gelernt.

Die folgenden acht Tipps klingen zwar ziemlich banal, werden euch aber helfen, dass die nächsten UX-Tests reibungslos klappen:

1  “Echte“ Nutzer und keine „Simulanten” rekrutieren!

Auf die passenden Probanden kommt es an.Der Erfolg eines UX-Tests hängt zu 99% davon ab, dass die echte Zielgruppe im Test sitzt. Nur dann kann man beobachten, ob die Inhalte und Prozesse wirklich stimmen. Dafür müssen die Probanden wirklich zum Testzeitpunkt genau in der Lebenssituation sein, in der sie eine Website oder App auch tatsächlich nutzen würden. Sie müssen z.B. konkret aktuell nach einem neuen Auto schauen oder eine Reise planen oder einen Verwandten mit Alzheimer haben.

Dann verhalten sie sich im Test authentisch und es lassen sich auch die unbewussten Reaktionen beobachten und bewerten. Das lässt sich durch eine “Stellen Sie sich bitte vor…”-Anmoderation nicht ersetzen.

In der Praxis müsst ihr das bei der Probandenrekrutierung berücksichtigen. Erschwert wird das noch dadurch, dass es durchaus Testpersonen gibt, die “lügen und betrügen”, um an einer Studie teilnehmen zu können. Ist ja leicht verdientes Geld…

Praktisch müsst ihr bei der Rekrutierung gezielt Fangfragen einbauen, um echte Nutzer von den Simulanten unterscheiden zu können. Das ist bei unserer eigenen Rekrutierung schon fast zu einer Wissenschaft geworden.

Lars (unser Probandenfindeguru) hat in einem Interview auf dem eparo-Blog auch noch mehr über die Herausforderungen bei der Probandenrekrutierung erzählt: Interview mit Lars zu Fake-Probanden

2  Show-Stopper bei der Probandenauswahl vermeiden!

 Die Probanden müssen wirklich passenDer Tipp ist zwar eigentlich schon abgedeckt, wenn ihr die richtige Zielgruppe rekrutiert.

Aber in der Praxis kann es leicht passieren, dass ein Proband in der Vorbefragung plötzlich etwas sagt, was ihn für den Test total unbrauchbar macht.

Beispiele:

„Ich würde online nie einen Vertrag abschließen.“ (für den Test eines Onlinevertragsabschlusses)

“Um die Hausmodernisierung kümmert sich bei uns mein Mann.” (beim Test eines Energiesparspecials)”

Von solchen Probanden wird man keinerlei brauchbare Erkenntnisse gewinnen, sondern nur eine kostbare Interviewstunde verschwenden. Das merken auch alle Testbeobachter und sind entsprechend genervt.

Verhindern lässt sich das im Vorfeld bei der Rekrutierung. Wieder kommt es darauf an, genau zu klären, welche Anforderungen der Proband erfüllen muss. Das ist auf jeden Fall viel wichtiger als demographische Daten.

Sollte es doch mal passieren, dass ein Proband überhaupt nicht passt, muss man ihn direkt zu Testbeginn austauschen. Das geht natürlich nur, wenn man eine passenden Ersatzkandidaten draußen sitzen hat.

3  Immer einen Ersatzkandidaten vorhalten.

Es kann immer mal vorkommen, dass ein Proband nicht zum Test erscheint oder sich als ungeeignet herausstellt. Dann sitzen 5-10 Leute im Beobachtungsraum, drehen Däumchen und sind mittelschwer verärgert. Das darf natürlich nicht passieren.

Wichtig ist daher, dass ihr durch Erinnerungsanrufe am Tag vorher sicherstellt, dass der Proband auch tatsächlich erscheint. Gegen plötzliche Krankheiten, Stau oder Lokführerstreik hilft das natürlich nicht.

Zusätzlich müsst ihr daher immer dafür sorgen, dass ein passender Ersatzkandidat zur Verfügung steht. Wir rekrutieren deshalb immer ein/zwei zusätzliche Probanden, die im Idealfall nur fürs Warten bezahlt werden. In der Regel wartet ein Proband drei Stunden am Vormittag und ein zweiter Proband für die drei Interviews am Nachmittag.

Dann ist es kein Problem, wenn doch mal ein regulärer Proband ausfällt.

4  Der Proband darf nicht vorher erfahren, worum es bei dem Test geht!

Der Proband muss ahnungslos sein.Noch ein Probandenzitat, das ich nie hören möchte: “Ich hab mir die Seite xyz gestern schon mal angesehen.” Das ruiniert den kompletten Testeinstieg und ärgert auch wieder alle Testbeobachter. Brauchbare Erkenntnisse sind so nämlich nicht mehr zu bekommen.

Auch hier hilft die sorgfältige Rekrutierung mit den richtigen Fragen aus denen der potentielle Proband nicht ablesen kann, worum es geht.

Also nicht fragen “Kaufen Sie bei Supermarkt xy?” sondern offen fragen “Bei welchen der folgenden Lebensmittelhändler kaufen sie regelmäßig ein?”.

Das ist wirklich wichtig, da es ja durchaus “Fake- Probanden” gibt, die versuchen, sich in Studien einzuschleichen. Das habe ich ja im ersten Tipp schon erklärt.

5  Möglichst realistische Prototypen verwenden

Realistische PrototypenHäufig werden in den UX-Tests ja erste Konzeptansätze mit Hilfe von digitalen Prototypen (Klickdummies) getestet. Hier ist es wichtig, dass durchgängig echte Inhalte verwendet werden. Also keine Blindtexte und keine Platzhalterbilder. Die Nutzer sind sonst schnell verwirrt (“Warum steht das denn hier jetzt in Latein?”)

Werden Funktionen und Prozessabläufe getestet, dann müssen diese Abläufe logisch sein. Z.B. müssen bei einem eCommerce-Test die Produktauswahl und Preise sich stimmig durch den Testablauf ziehen. Sonst kommen Fragen „Ich habe einen roten Pulli angeklickt, warum ist jetzt ne Jeans in meinem Warenkorb?“. Wenn das passiert, verliert der Proband den roten Faden und die Testergebnisse leiden.

Hierzu braucht es “nur” etwas Fleiß und Sorgfalt bei der Erstellung des Prototypen. Es ist immer echt schade, wenn durch Schlamperei ein Interview fast wertlos wird.

 

Jetzt noch ein paar Praxistipps zur Technik. Auch hier können Kleinigkeiten für großen Unmut sorgen.

6  Eine gute Internetverbindung ist Pflicht: LAN statt WLAN!

LAN statt WLANWährend des Usability-Tests sollten sowohl die Testübertragung in den Beobachtungsraum als auch die Seitenaufrufe im Testbrowser einwandfrei und schnell funktionieren. Um Verzögerungen & Störungen zu vermeiden, bitte wenn möglich eine LAN-Verbindung nehmen. WLAN ruckelt manchmal.

 

 

7  Dropbox-, Skype- & andere Popups unterdrücken!

dropbox-skype-und-coPlötzlich auf dem Bildschirm des Probanden auftauchende Popups führen zu unnötiger Ablenkung und Störung des Testverlaufs.

Besonders peinlich sind hier private E-Mail-Notifications des Testleiters oder immer wiederkehrende Pop-ups zu Software-Updates.

Prüft das System vorher, damit das unterbunden wird. Diese Störungen verwirren ja nicht nur die Probanden, sondern werden auch von allen Testbeobachtern bemerkt. Das wirkt richtig unprofessionell.

8  Der Proband muss gut zu sehen und zu hören sein!

Ton und Bild müssen stimmenDamit während der Tests oder im Nachhinein auf den Aufnahmen das Verhalten des Probanden gut nachvollziehbar ist, müssen Mimik und Gestik perfekt erkennbar sein. Daher sollte man immer für ideale Lichtverhältnisse im Raum sorgen. Ebenso ist das klare Hören seiner Aussagen von großer Bedeutung.

Der Ton wird oft unterschätzt. Man muss auf jeden Fall ein gutes Mikro nutzen und vorher testen, ob die Einstellungen stimmen. Und darauf achten, dass die Umgebungsgeräusche möglichst reduziert werden.

9  Fazit:

Am wichtigsten sind natürlich die perfekten Probanden. Wenn ihr die nicht selber suchen wollt, dann könnt ihr die auch von eparo bekommen. Das ist unser “täglich Brot”.

Genauso wichtig wie die Probanden ist der Testgegenstand. Bei der Entwicklung des Prototyps für den Test darf man nicht schlampig sein und muss auch auf die Details achten.

Aber auch die kleinen technischen und organisatorischen Sachen können die Qualität eines Tests wirklich negativ beeinflussen.

Aber mit den acht Tipps habt ihr die schlimmsten Probleme im Prinzip im Griff. Sonst einfach ne Mail schicken…

 
11. November, 2014

Interview mit Rolf zum WUD 2014 in Hamburg

World Usability Day in Hamburg

Engagement:
Service-Design zwischen Nutzerfreundlichkeit und Weltverbesserung

rolf

Am 13.11.2014 findet zum zehnten Mal der World Usability Day statt. Seit 9 Jahren ist eparo an der Organisation beteiligt. Beate hat Rolf im Vorfeld zum kommenden WUD in Hamburg interviewt:

Beate: Zum neunten Mal in Folge veranstaltet eparo den WUD. Was hat sich im Laufe der Jahre verändert?

Rolf: Zuerst einmal: Wir sind zwar seit neun Jahren dabei, allerdings erst seit 2010 quasi als Alleinveranstalter. In den ersten Jahren gab es ein relativ großes Organisationsteam, natürlich mit den üblichen Abstimmungsproblemen. Das ist nach und nach weggebröckelt. Seit vier Jahren organisieren wir den WUD jetzt direkt über eparo. So haben wir zwar mehr Arbeit, aber nicht mehr diese Abstimmungsmeetings im Projektteam. Das spart viel Zeit.
Was sich auch geändert hat, ist die “Location”. Anfangs waren wir immer in den alten Räumen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) am Berliner Tor. Dort gab es zwei große Hörsäle mit jeweils 100 Plätzen. Seit drei Jahren sind wir an der Finkenau. Dort es ist schöner, aber räumlich etwas beengter. Inzwischen sind auch die Workshops am Vormittag zu einem unverzichtbaren Bestandteil des WUD geworden. Die sind eigentlich in jedem Jahr ausgebucht. Vermutlich, weil sie immer sehr praxisorientiert, nützlich und umsonst sind.
Insgesamt ist der WUD auch populärer geworden. Die Events überall in Deutschland sind im Laufe der letzten Jahre größer und professioneller geworden.

Beate: Und das Publikum? Sind es immer dieselben Leute aus der UX und IT-Szene? Oder wen erwartest du in diesem Jahr?

Rolf: Im Kern ist der WUD schon so eine Art Familientreffen der Hamburger UX-Szene. Allerdings immer ergänzt durch Studenten der HAW und Leute, die spontan dazu kommen. Wir haben im letzten Jahr wieder damit begonnen, ein festes Workshop- und Vortragsprogramm zu organisieren. Das macht es interessanter und planbarer. So ist es auch leichter, den Chef zu überzeugen, dass sich die Teilnahme lohnt:-)

Inzwischen kommen auch viele angestellte UXler. Digitale Services sind kein Agenturthema (mehr), sondern ganz klar Unternehmenssache. Agenturvertreter sind komischerweise sowieso dünn vertreten beim WUD. Das liegt entweder daran, dass wir sie nicht erreicht haben, oder dass kein Interesse besteht, oder keine Zeit da ist.

Beate: Also ist es noch kein „alter Hut“, wie man denken könnte?

Rolf: Nein, der einzige alte Hut beim WUD ist der Titel: Es geht eigentlich schon seit Jahren nicht mehr um Usability, sondern primär um das Nutzererlebnis, also die User Experience. An den Vortragseinreichungen kann man immer auch den Zeitgeist ablesen. Was treibt die Community um? Welche Themen stehen im Fokus?

Beate: Wie ist denn der sogenannte Zeitgeist der UX-Szene?

Wir bewegen uns von der Entdeckung der richtigen Arbeitsmethoden so langsam zum Kern des Problems vor. Wie passen denn neue Arbeitsmethoden wie Design Thinking, Agile und Co-Creation in die alten Strukturen? Was muss passieren, damit sie passen? Die „Szene“ hat es satt, dass trotz viel Engagement in den Projekten am Ende meist doch nur Sachen rauskommen, auf die man nicht stolz ist. Das soll sich ändern!

Beate: Das diesjährige Thema ist „Engagement“. Was bedeutet das für dich?

Rolf: Das Thema finde ich toll. Es öffnet den Raum jenseits des rein Fachlichen und verdeutlicht die Verantwortung, die jeder von uns hat. Egal, ob im Job oder privat. Es geht um Sinn und Bedeutung. Daher haben wir auch bei der Programmgestaltung Vorträge, die “Engagement” in irgendeiner Form zum Thema gemacht haben, bevorzugt aufgenommen. Insgesamt gab es viel positives Feedback. Das Thema hat einen Nerv getroffen.

Beate: eparo hat ja Teilnehmende und Mitarbeiter versucht zu bewegen, engagierte Projekte vorzustellen. Nicht alle haben das Angebot angenommen. Woran lag das wohl?

Rolf: Das ist eigentlich wie immer. Ich vermute mal, dass es einigen schlicht durchgerutscht ist. So etwas passiert mir auch leider oft genug. Die wichtigen Dinge werden von den dringenden Sachen gefressen.

Beate: Gibt es da irgendwelche Zwickmühlen? Ich meine, wenn jemand eine Tauschbörse für Konsumgüter und Dienstleistungen vorstellt zum Beispiel, torpediert das ja alle marktwirtschaftlichen Interessen, die aber die meisten unserer Kunden verfolgen. Wie passt das alles zusammen?

Rolf: Ich mache mir da keine großen Gedanken drüber. Auch Konzerne mit klaren wirtschaftlichen Interessen engagieren sich ja sozial und nehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr. Ob das immer ernst gemeint ist, oder vielleicht auch teilweise marketing-getrieben, lasse ich mal offen. Ich persönlich fände es gut, wenn beim WUD auch Tauschbörsen vorgestellt werden. Auf die Diskussion mit unseren Kunden lasse ich es da gerne ankommen.

Beate: Was wünschst du dir denn für die Engagement-Projekte, die da vorgestellt werden?

Rolf: Ach, ich wär schon zufrieden, wenn die sozialen Projekte sichtbarer werden. Vielleicht findet sich auf dem Weg ja auch der ein oder andere Freiwillige, der Lust und Zeit hat, ein Projekt zu unterstützen.
Selbst wenn es nur einer ist, hätte sich die Aktion meiner Meinung nach schon gelohnt.

Beate: Wie positioniert sich denn eparo? Willst du auch „die Welt verbessern“? Oder zumindest das Biest Unternehmenskultur (wie Daniel Neuberger es in seinem Vortragstitel nennt) zähmen?

Rolf: Naja, ich möchte schon einiges verändern. Flache Hierarchien, Mitbestimmung, Transparenz – zugegeben, es sind große Ziele, die wir verfolgen. Ein Wochenende mit allen Mitarbeitern und ihren Familien im Mai war der Anfang. Jetzt arbeiten wir daran, dass wir unsere guten Vorsätze auch umsetzen. Die Entwicklung unserer Unternehmenskultur mit klaren Werten gehört dazu. Leider kommt das immer noch viel zu kurz im Arbeitsalltag. Was ich echt bedaure. Für den Job heißt es: Wenn wir es schaffen, digitale Services nutzbarer zu machen oder sogar erfreulich, dann würde mich das schon freuen. Mehr Zusammenarbeit und Kreativität und weniger Politik in den Projekten, das wäre schon etwas. Das sind auch die Beratungsprojekte, die ich am liebsten mache.

Beate: Welche Beratungsprojekte meinst du?

Rolf: Ich unterstütze Unternehmen und UX-Teams gerne dabei, die Organisation so aufzusetzen, dass wirklich tolle, innovative Services entstehen können. Das ist viel mehr als nur einen Prozess zu definieren. Es ist im Kern eine Änderung der Unternehmenskultur.

Beate: Auf welchen Vortrag und Workshop freust du dich am meisten?

Rolf: Ich wäre gerne bei der Session dabei, wo es um den Sinn von User-Tests geht. Da hätte ich eine sehr konträre Meinung zu den Vortragenden. Leider moderiere ich zum gleichen Zeitpunkt die andere Session. In Session 1 freue ich mich auf Daniel Neuberger und das Biest Unternehmenskultur. In der Session halte ich ja auch einen Vortrag. Mal sehen, vielleicht wird eine kleine, spontane Podiumsdiskussion daraus.

Beate: Worum geht es denn in deinem Vortrag?

Rolf: Ich will versuchen, etwas genauer zu zeigen, warum Projekte oft schiefgehen. Die Methoden und der Wille sind ja da. Im Unternehmen kommt dann aber irgendwann die Mauer zur Hierarchie und zum Macht- und Karrieredenken. Daran scheitern dann die ganzen ambitionierten Projekte.

Beate: Ich bin gespannt. Danke für das Gespräch, Rolf!

 
16. Oktober, 2014

„Richtig testen, ohne sich an Fake-Probanden zu vergiften“

Im Interview: Lars Wiese, seit Ende 2013 Direktor Feld bei eparo.
Der Marktforschungsexperte berichtet, wie er passgenaue „echte“ Probanden findet und Fehlrekrutierungen ausschließt.

Interview und Redaktion: Beate Winter

Micropersonas

Beate: Was sind denn eigentlich Fake-Probanden?

Lars: Fake-Probanden sind Personen, die sich mit falschen Berufen und falschen Angaben in Projekte reinschmuggeln wollen. Sie behaupten zum Beispiel, dass sie Nutzer eines bestimmen Produktes seien, kennen dieses tatsächlich aber nicht oder nutzen es nicht wirklich. Wenn du mit solchen falschen Probanden testest, sind die Ergebnisse natürlich völlig unbrauchbar.

Beate: Ist es dir schon passiert, dass du mitten im Test oder einer Studie feststellen musstest, einen „Fake-Probanden“ vor dir sitzen zu haben?

Lars: Klar, in meiner Zeit als Marktforscher kam das ständig vor. Ich erinnere mich an eine Autostudie, in der ich mit einem Probanden in einem Porsche saß. Es ging um eine neue Innenraumgestaltung. Der Proband sollte das Fahrzeug, das er auch angeblich selber besitzt, starten. Leider suchte er das Zündschloss rechts und sah mich fragend an. Wie er denn starten solle ohne Zündschloss? Ich ließ ihn dann vom Sicherheitsdienst nach draußen begleiten. Ich gab ihm aber noch den Hinweis, dass bei Porsche das Zündschloss schon immer links saß, und er das ja eigentlich wissen muss als Besitzer einen solchen Fahrzeuges. Ein anderes Mal hatte sich eine Frau als Schwangere ausgegeben, um an einer Gesprächsgruppe über Babynahrung teilzunehmen. Am Buffet rutschte ihr dann leider das dicke Kissen aus dem Pulli und der Bauch war wieder flach. Einer ist mal mit Perücke und Sonnenbrille verkleidet zwei Mal zu selben Studie erschienen. Da gibt es unzählige Geschichten.

Beate: Ist es denn nicht üblich, vorher genau nachzufragen, ob die Probanden echt sind?

Lars: Ich behaupte: Nein. Diesen Aufwand betreibt keiner unserer Wettbewerber. Sie setzen auf Masse und schnelle Rekrutierung der Projekte, leider häufig zu Lasten der Qualität. Bei eparo arbeiten ausschließlich Markt- und Sozialforscher mit langer Berufserfahrung in der Realisierung von Feldprojekten. Und die schauen sich Probanden sehr genau an.

Beate: Wie sorgst du dafür, dass bei deinen Rekrutierungen nur echte Probanden dabei sind?

Lars: Das geht schon los bei der Pflege unseres Probanden-Panels. In unsere Datenbank nehmen wir nur diejenigen auf, die sich qualifiziert haben und deren Identität wir überprüft haben. Wir haben verschiedene Sicherungen in die Rekrutierung und Datenbankaufnahmen eingebaut. Das ganze ist mehrstufig und agil. Double check, Prüfung von Alter, Adresse, Telefonnummer etc. ist selbstverständlich. So schließen wir Mehrfachanmeldungen aus. Es gibt echte Studienprofis, die versuchen, sich mit möglichst vielen unterschiedlichen Profilen bei den verschiedenen Felddienstleistern anzumelden.

Bei der eigentlichen Rekrutierung wird es dann erst richtig anspruchsvoll. Jetzt müssen wir ja noch dafür sorgen, dass uns die möglichen Probanden keine Märchen erzählen, um in die Studie reinzukommen.

Beate: Was meinst du mit „Märchen erzählen“?

Lars: Bei einer Rekrutierung geht es ja neben den harten demografischen Daten auch um die Lebenssituation und die Erfahrungen. Wo kauft jemand ein? Welche elektronischen Geräte nutzt er? Was für ein Auto fährt er? Wenn der Proband ahnt, was er sagen muss, um in die Studie zu kommen, dann erzählt er dir genau das, was du hören willst.

Beate: Und wie vermeidet ihr das?

Lars: Du brauchst erst einmal ein genaues Anforderungsprofil. Was macht die Zielgruppe aus? Wie unterscheidet sie sich? Daraus wird ein Rekrutierungsprofil exakt abgebildet. Wir stellen immer offene Fragen! Echte Probanden antworten wahrheitsgemäß. Die Antworten werden gezielt hinterfragt. Wichtig hierbei: Fragen stellen, die nur ein echter Nutzer kennen kann. Bei Zweifeln und Unstimmigkeiten der Angaben des Probanden rufen wir beispielsweise in der Firma an und lassen uns Position und Aufgabengebiet der Person bestätigen.

Es gibt außerdem eine 6 monatige Studiensperre, um Dauergäste in Projekten/Studien zu vermeiden.

Beate : Gibt es „Pappenheimer“, die immer wieder versuchen, sich rein zu schummeln?

Lars: Der bislang hartnäckigste Kandidat hat es 15 mal versucht, immer mit einer anderen Identität. Leider erfolglos :-)

Beate: Aber es kann ja doch passieren, dass es jemand schafft und im Interview sitzt, obwohl er überhaupt nicht passt. Wie gehst du damit um?

Lars: Wichtig ist, dass man es möglich früh merkt. Dazu fragen wir zu Beginn des Interviews noch einmal die Fakten ab. Bei den eparo-Tests und Interviews sitzen ja immer auch die Kunden im Beobachtungsraum und verfolgen genau, was der Proband sagt. Da fällt es sofort auf, wenn jemand nicht passt. Es macht überhaupt keinen Sinn, mit einem Fake-Probanden das Interview weiter zu führen, weil die Ergebnisse schlicht falsch sind. Also am besten direkt abbrechen. Damit man dann nicht eine Stunde lang rumsitzt, haben wir immer einen Ersatzkandidaten rekrutiert, der dann einspringen kann. Den brauchen wir ja auch, falls mal ein Proband nicht erscheint.

Beate: Wie oft kommen die Ersatzkandidaten zum Einsatz?

Lars: Eher selten. In der Regel passen die Probanden ja gut. Und auch die regulären Probanden erscheinen fast zu 100%. Wir rufen die ja immer am Tag vor der Studie noch mal an, um sicher zu stellen, dass sie den Termin nicht vergessen haben.

Beate: Da steckt insgesamt viel Arbeit drin.

Lars: Stimmt. Hinter den Kulissen muss ziemlich viel passieren, damit die perfekten fünf Probanden pünktlich zu einem Interview erscheinen.
Übrigens haben wir bis jetzt hauptsächlich über die eher einfachen Konsumentenstudien gesprochen.
Richtig spannend wird es ja erst, wenn wir die Nadel im Heuhaufen suchen müssen. So was wie “Sammler von Kuckucks-Uhren” oder “Festangestellte Controller, die sich nach einem neuen Job umsehen”.
Aber das ist was fürs nächste Interview.

Beate: Vielen Dank.

 
21. Juli, 2014

Rückblick: Erster „GovJam“ Hamburg – Wie Service Designer unsere Städte verbessern können

GovJam Sketch von Britta Ullrich

Trust – unter diesem Motto stand der erste GovJam in Hamburg Anfang Juni 2014. Die Aufgabe: In nur 48 Stunden sollten rund 20 Teilnehmer mit den Methoden des Design Thinking (DT) die öffentlichen Dienstleistungen der Großstadt Hamburg verbessern. eparo als Service Design Manufaktur durfte natürlich nicht fehlen. Gleich zwei Leute aus dem eparo-Team waren dabei. Unser Werkstudent Malte Lücken war begeistert und wollte unbedingt diesen Blogbeitrag schreiben. Malte erzählt, warum Hamburger einen flexiblen Reparatur-Service brauchen und wie Rentner Helmut mit seinem Repair-Mobil auf öffentlichen Plätzen zum Einsatz kommen könnte.

Global GovJam – offene Behördentüren für Service-Designer

Der GovJam Hamburg ist Teil eines weltweiten Projektes unter dem Namen Global GovJam.

Zusammen mit verschiedenen Städten erarbeiten die Teilnehmer eine neue Service-Idee, die von der Stadt weiterentwickelt werden kann. Daher steht das Gov in GovJam für Government. In diesem Jahr waren es 24 verschiedene Länder, die vom 03.06.14 – 05.06.14 gleichzeitig an Ideen zur Verbesserung des öffentlichen Raums arbeiteten.

Da wir das Projekt extrem spannend finden, nahmen Magi und ich am GovJam teil. In einer interdisziplinären Gruppe von rund 20 Teilnehmern versuchten wir die Probleme von Bürgern zu erkennen und lösende Serviceleistungen mit den Methoden des DT zu kreieren.

Ablauf eines GovJams

Illustrationen: Adrian Paulsen

Probleme der Stadt erkennen. Lösungen entwickeln

Dienstag: Abends trafen sich die Teilnehmer in den Räumlichkeiten der Xing AG, um gemeinsam Probleme des öffentlichen Raums zu finden und Teams zu bilden, die sich in den folgenden Tagen über mögliche Lösungskonzepte den Kopf zerbrechen würden. Wie kann man den Austausch von Wissen zwischen jungen und alten Menschen verbessern? Wie können wir die Entwicklung von Kreativität bei Schulkindern fördern? Meine Gruppe hatte die Aufgabe handwerkliche Arbeit wieder „sexy“ zu machen.

Mit Straßenumfragen Zielgruppen kennenlernen

Mittwoch: Morgens stand die Konkretisierung der Thematik auf dem Plan. Wir leiteten drei Fragen für eine  Benutzerbefragung unserer möglichen Zielgruppe ab und gingen dann für eine Stunde raus auf die Straße. „Was fällt Ihnen spontan zu dem Begriff Handwerk ein?“ oder „Haben Sie schon einmal selbst etwas repariert?“ – durch kurze offene Fragen versuchte meine Gruppe im Getümmel eines Radioballetts von 1000 Schülern aus 20 Hamburger Schulen (abendblatt.de/128715355) herauszufinden, ob handwerkliche Arbeit „sexy“ ist und wie die Hamburger mit Gegenständen umgehen, die kaputt gegangen sind.

Personas definieren: Der typische Hamburger hat keine Zeit – auch nicht für Reparaturen

Nach der Mittagspause analysierten wir unsere Umfragen. Schließlich hatten wir ein genaueres Bild unserer Zielgruppe, unsere so genannten Personas. Ergebnis: Hamburger würden durchaus selbst Geräte reparieren. Wenn die Bedingungen stimmen: Sie müssen wissen wie es geht, das richtige Equipment besitzen und am besten auch noch Zeit haben. Da dies selten vorkommt, werden gerade kleinere Geräte oft schnell weggeworfen. Besonders bei einer jüngeren Zielgruppe vom um die 20 Jahre kam noch der Punkt der Bequemlichkeit hinzu. „Bloß nicht zu weit weg gehen!“.

Die Idee: Der fahrende Handwerker Helmut und sein Repair-Mobil

Unter Berücksichtigung dieser Probleme folgte die Ideenfindung für einen möglichen Service. Nach mehreren Iterationen durch Diskussionen in unserer Gruppe und dem Feedback anderer Gruppenmitglieder war am Abend eine erste Idee greifbar. Zusätzlich zu den bekannten Repair Cafés (repaircafe.org/de/) überlegten wir uns einen mobilen Service. Unseren fahrenden Handwerker nannten wir Helmut, ein Rentner, der Spaß und das Know-how hat, mit anderen zusammen kaputte Geräte zu reparieren. Er fährt mit seinem Repair-Mobil zu verschiedenen belebten Punkten in der Stadt, um direkt vor Ort mit Anwohnern Geräte zu reparieren. Wem das immer noch zu weit weg ist, der kann ihn sogar zu einer Repair-Party bei sich zu Hause einladen. Einzige Voraussetzungen – es müssen mindestens 6 Leute mit kaputten Geräten kommen.

Der Prototyp aus Lego

Diese Idee wurde in den Morgenstunden des dritten Tages zu einem komprimierten Satz zusammengefasst.

Anschließend wurden Prototypen erstellt. Meine Gruppe entschied sich zum Testen einen Prototyp mit Lego zu bauen.

Mit diesem Prototyp erzählten wir mehreren Menschengruppen vor dem Gebäude der Kulturbehörde Hamburg von unserer Idee und herhielten viel positives Feedback.

Prototyp auf offener Straße testen

Fazit: Spaß trotz Zeitdruck

Am Nachmittag stellten alle Gruppen ihre Services vor und verließen den GovJam in der Hoffnung, dass die Ideen von der Stadt Hamburg gehört und umgesetzt werden.

Die drei Tage waren anstrengend, aber auch sehr inspirierend. Man konnte eine Menge neue Kontakte knüpfen und viele Methoden praktisch anwenden. Trotz des ständigen Zeitdrucks wurde viel gelacht und es hat insgesamt großen Spaß gemacht.

Aus diesem Grund wird eparo sicherlich auch das nächste Mal Hauptsponsor des GovJam Hamburg sein.

Wer mehr über den GovJam und die anderen Projekte erfahren möchte, findet unter folgender Adresse mehr Informationen: govjam.org.